Meine wilde Kindheit

Mein Opa ist ein dicker, deutscher Mann. Er hat ein Boot, verbringt zusammen mit meiner Oma im Sommer die Hälfte seiner Zeit nackt am Kleingarten an seinem Steg an seinem Boot. Als Kind musste/ durfte ich dann immer nach Brandenburg mitfahren, mir im Sommer die bekannte „Havel-Bräune“ holen, früh Schwimmen, Tauchen und Boot fahren lernen. Natürlich immer nackt. Mit Beginn der Pubertät hatte ich natürliche keine Lust mehr meinen Körper den vollgefressenen Frührentnern zu zeigen, was von meinem Opa mit Schimpfereien quittiert wurde. Mein Opa war so lange ich denken konnte, eine Art Hilfspolizist an der Südseite des Sees. Er bestimmte maßgeblich, wann Feuer gemacht wurde, ob etwa „Wessis“ an freie Stege anlegen durften (durften sie natürlich nie) und ein Großteil der Kinder am See lernte bei ihm Schwimmen. „Der Dicke“, wie er familienextern genannt wurde, war intern ein ganz schöner Sack. Er schimpfte, meckerte und wütete. Mein kleiner Bruder musste sich viele schlimmere Meckereien gefallen lassen, denn er hatte niemals so viel Credibility wie ich bei meinem Opa. Die hatte ich mir bereits mit zwölf geholt. Als ich ihn, nach der Aufforderung ich solle doch noch mal Bier zum Lagerfeuerplatz mitbringen, einen „Eierkopp“ nannte, sprach er drei Monate nicht mehr mit seinem Enkel. Aber neben der ganzen Grässlichkeit, welche die Mikrovolksgemeinschaft der Brandenburger „Wassersportler“ bereithält, gab es nebenher auch Schönes. Ich konnte mit meiner Zwille im Wald auf Jagd gegen Bäume oder Sträucher gehen, klettern, früh mit meinem motorisierten Schlauchboot über den See brettern und mich all in all dabei verdammt cool fühlen. Nur mein Opa blieb immer ein skurriler Mann, was auch daran gelegen haben könnte, dass er schon um Elf Uhr früh zu seinem „Elfchen“ Rex Pils griff, um sich mit seinen nackten Kumpanen am See über das Wasserschutzamt, Wessis oder Ausländer aufzuregen. Und so lernte ich schon sehr früh den Ekel kennen. Meinem Rassistenopa habe ich es eigentlich zu verdanken, früh Antifaschist geworden zu sein.

Heute ist mein Opa immer noch nicht tot. Wie es mit solchen Leuten eben ist, leben die trotz exzessivem Saufen und Rauchen unglaublich lange. Mein Opa ist 73 und ich frage mich, ob ich irgendwann traurig sein werde, wenn er mal nicht mehr ist.

Ein Schmankerl‘ noch dazu: Sehr alt zwar, aber eine der schönsten und lustigsten Indymedia Artikelergänzungen


2 Antworten auf „Meine wilde Kindheit“


  1. 1 rotfuchs 16. November 2008 um 23:35 Uhr

    dafür war er schild und schwert der partei.

  1. 1 “Für die, die noch nie gehört haben, wie ich mich über diese Frau auslasse.” oder “You’re so indie rock it’s almost an art.” « Helen M. Pingback am 17. November 2008 um 17:05 Uhr
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